Zauberdrink

FantasykurzgeschichteSalomon schwitzte. Nur gut, dass er vorgesorgt hatte, damit er nicht stank wie ein Ochse. Er hatte an diesem Nachmittag etwa zwei Stunden mit der Frage zugebracht, ob Aimilia auf einen holzigen, abenteuerlichen Geruch oder etwas Erfrischendes stand. Schließlich hatte er sich für einen Zaubertrank entschieden, der ihm den Geruch frischen Quellwassers verlieh. Aber wenn das so weiterging, wären seine Bemühungen umsonst gewesen. Dann hätte er den Zaubertrank ausgeschwitzt, ehe er mit ihr ins Gespräch käme.
Mit zitternder Hand griff Salomon nach der Flasche vor ihm auf dem Tresen und trank einen Schluck Bier. Was war nur los mit ihm? Er konnte nur noch an sie denken. An ihr Haar, so schwarz wie Kohle und so wild wie die Mähne eines Löwen. Er wollte sein Gesicht darin vergraben und seinen Duft einatmen. Er musste immerzu an ihre Augen denken. Augen, so blau wie die Weiten des Himmels, so tief wie der Ozean, so rein wie Diamant. Und ihre Haut … nicht makellos, aber es waren gerade die Makel, die ihr Charakter verliehen.
Hör auf, zu ihr rüber zu starren“, sagte Bartolomé und verdrehte die Augen. Er saß auf dem Hocker zur Linken. „Himmel, du benimmst dich so auffällig.“ Salomon wurde rot und richtete den Blick schnell wieder nach vorne. Aimilia saß nur wenige Barhocker von ihnen entfernt und nippte an einem Whiskey Sour. In seiner Verzweiflung war Salomon aufs Geratewohl hierher, ins Potions Master, gekommen. Es war Freitag und die Bar die beliebteste Zuflucht für Studenten der Universität für Zaubertränke. Angeblich peppten sie hier ihre Drinks mit alchemistischen Zutaten auf – ausschließlich im legalen Rahmen, verstand sich.
Glaubst du, sie hat etwas bemerkt?“, fragte Salomon heiser.
„Mal überlegen …“, entgegnete Bartolomé gespielt nachdenklich. „Wenn sie blind ist oder geistig unterbelichtet, vermutlich nicht.“ Salomon wurde schwer ums Herz. Ihm konnte nur eines helfen. Deutlich spürte er die kleine Glasphiole in seiner Hosentasche. Er hatte sie heute aus dem Zutatenschrank von Professor Sherwood gestohlen und sich dabei auf gleich zweierlei Arten strafbar gemacht: Erstens hatte er sich am Eigentum der Universität vergriffen. Und zweitens war er nun im Besitz eines illegalen Zaubertrankes, eines Liebestrankes der Klasse I.
„Ich versteh nicht, was du in ihr siehst“, sagte Bartolomé und warf ihr einen flüchtigen Blick zu. „Sie könnte gut aussehen, wenn sie nicht ständig diese ausgeleierten Pullis tragen würde. Und dann ihre Brille … warum kauft sie sich nicht ein Modell aus diesem Jahrhundert?“ Er stellte sein Bier auf den Tresen und erhob sich vom Hocker. „Ich bin mal für kleine Jungs.“
Das war die Gelegenheit! Kaum dass Bartolomé durch die Tür zum Herrenklo verschwunden war, bestellte Salomon beim Barkeeper einen Whiskey Sour. Das Timing war perfekt. Aimilia hatte ihr Glas geleert und lutschte auf einem Eiswürfel herum. Das Problem war nur, dass er ihr den Cocktail nicht persönlich überreichen konnte. Kein Zaubertrankstudent aus einem der höheren Semester würde einen Drink annehmen, der nicht vom Barkeeper persönlich gebracht wurde. Salomon musste es schaffen, den Liebestrank ins Glas zu schütten, ohne dass jemand es merkte.
Während der Barkeeper den Cocktail mixte, holte Salomon die Phiole aus der Hosentasche. „Können Sie ein bisschen mehr Sirup reinmachen?“, fragte er. Er hoffte, dass seine Stimme nicht so dünn war, wie es ihm vorkam.
Ist dir der Whiskey zu stark?“, fragte der Barkeeper spöttisch und wandte sich zu dem Regal voller bunter Flaschen um. Salomon vergewisserte sich, dass Aimilia nicht zu ihm herübersah. Dann entkorkte er die Phiole, beugte sich mit zitternden Händen über den Tresen und schüttete den Inhalt des Fläschchens in den Tumbler. In der Sekunde, da der Barkeeper wieder zu ihm sah, saß er mit Unschuldsmine wenn auch stocksteif da.
„Es ist für die junge Frau mit dem schwarzen Haar und der Brille“, sagte Salomon, als der Barkeeper Anstalten machte, das Glas vor ihm auf den Tresen zu stellen.
„Für eine Lady“, sagte der Barkeeper und lächelte wissend. „Jetzt verstehe ich.“ Salomon schwieg mit zugeschnürter Kehle. Sein Herz hämmerte wie verrückt, während der Mann hinüber zu Aimilia schlurfte. Aimilia … Der Name zerging auf der Zunge so zart wie Schokolade.
„Schmachtest du schon wieder deinem Schwarm hinterher?“ Salomon zuckte zusammen und wandte sich um. Er hatte nicht bemerkt, wie Bartolomé zurückgekehrt war.
„Ich habe ihr gerade einen Drink bestellt“, sagte er und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Im Ernst jetzt?“, fragte Bartolomé überrascht.
„Sie wird mich auslachen …“
„Meinst du? Sieht so aus, als würde es ihr gefallen.“ Salomon hob den Kopf. Bartolomé hatte Recht. Aimilia lächelte und winkte ihm zu.
„Was jetzt?“, fragte er heiser.
„Am besten, wir beachten sie gar nicht.“
„Wirklich?“
„Nein, du Idiot. Geh zu ihr!“
Wie in Trance erhob Salomon sich von seinem Hocker. Seine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Pudding. Himmel, seine Knie würden jeden Augenblick unter ihm nachgeben. Hatte der Barkeeper Wabbelkniewasser in sein Bier geschüttet?
Wenn sie nur einen Schluck von dem Cocktail tränke, würde alles gut werden. Dann könnte er schwitzen und stammeln so viel er wollte, und sie würde trotzdem auf ihn abfahren. Ein Liebestrank der Klasse I war unwiderstehlich. Und im Gegensatz zu einem der Klasse II war seine Wirkung unaufhebbar. Man musste warten, bis der Körper das Elixier abgebaut hatte. Hatte man hingegen einen Liebestrank der Klasse II intus, musste der Täter dem Opfer nur gestehen, dass er es vergiftet hatte, und schon verpuffte die Wirkung.
Aber Aimilia trank nicht, sondern wartete, bis er bei ihr war.
„Danke für den Drink“, sagte sie. Salomon öffnete den Mund, ohne dass ein Ton über seine Lippen kam. Wo waren die Worte, wenn man sie brauchte?
Indessen hob Aimilia das Glas. Sag etwas. Irgendwas. Hauptsache, sie nimmt einen Schluck und wird nicht misstrauisch. Das Resultat war, dass er anfing zu stammeln: „Ma – ma – ma – ma …“ Mama? Bei den sieben alchemistischen Todsünden, diese Situation konnte nur noch schlimmer werden.
Und er hatte Recht.
Aimilia ließ das Glas sinken. Ihr Lächeln wich einer mitleidigen Miene.
„Sorry, Salomon. Ich kann das einfach nicht.“ Sie seufzte schwer. „Ich habe dir heute Mittag einen Liebestrank in den Orangensaft geschüttet. Er gehörte zur Klasse II, also dürftest du jetzt aufwachen.“ Salomon blinzelte. Die Bedeutung ihrer Worte überwältigte ihn fast ebenso sehr wie die Tatsache, dass der Schleier, durch den er Aimilia betrachtet hatte, herabfiel, als hätte sie die Schnüre eines unsichtbaren Kleides gelöst. Was tat er hier? Wieso stand er vor diesem Mädchen, das er kaum kannte, und schwitzte und zitterte und stammelte?
„Äh … was?“
„Ich bin schon seit einer Ewigkeit in dich verliebt“, sagte Aimilia und hinter ihrer riesigen Brille glitzerten Tränen. „Aber ich bin scheinbar unsichtbar für dich. Tut mir leid.“ Sie glitt vom Hocker und nahm ihre Handtasche vom Tresen. „Es wird nicht wieder vorkommen.“ Mit diesem Worten stürmte sie zur Tür verschwand in der Nacht.
„Dumm gelaufen, mh?“, sagte Bartolomé, der herübergekommen war, und legte Salomon eine Hand auf die Schulter. „Mach dir nichts draus. Es gibt noch andere Mädchen.“
„Es ist nicht so, wie du denkst“, erwiderte Salomon mit vor Fassungslosigkeit schwacher Stimme. „Sie hat mir einen Liebestrank untergemischt.“
Bartolomé riss die Augen auf. „Oh Mann, im Ernst? Das erklärt einiges!“ Er schüttelte den Kopf. „Scheiße, es gibt schon verrückte Frauen. Aber sieh es mal positiv. Sie hat ihren Drink nicht angerührt.“ Salomon starrte immer noch auf die Tür, durch die Aimilia verschwunden war, als die Bedeutung von Bartolomés Worten zu ihm durchdrang.
„He, das solltest du nicht …“ Das Herz rutschte ihm in die Hose, als er sah, dass Bartolomé bereits einen Schluck getrunken hatte.
„Salomon“, sagte sein Freund mit verschleiertem Blick. „Ich muss dir etwas sagen …“