Muttermord

In einer Woche werde ich dreißig. Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen und lebe vorübergehend bei meinen Eltern. Das ist keine Schande. Ich durchforste jeden Tag die Stellenanzeigen nach Arbeit und werde ausziehen, sobald ich etwas gefunden habe. Trotzdem ist es mir peinlich, als meine Mutter mich begleitet, um Sportschuhe zu kaufen; nicht zuletzt deshalb, weil in dem Sportgeschäft eine ehemalige Kommilitonin von mir jobbt, auf die ich schon seit Längerem ein Auge geworfen habe. Sie heißt Isabelle und ist zwei Jahre jünger als ich.
„Du hast doch kein Einkommen“, sagt meine Mutter, als ich es ihr auf dem Weg zum Sportgeschäft erkläre. „Selbstverständlich bezahle ich die Schuhe für dich.“
„Dafür bin ich auch dankbar“, erwidere ich. „Aber ich könnte doch auch allein fahren.“
Meine Mutter schüttelt den Kopf. „Ich habe eine Taucherbrille bestellt, die ich abholen muss. Es macht also Sinn, dass wir zusammenfahren.“
Zehn Minuten später halten wir auf dem Parkplatz vorm Sportgeschäft.
„Laufschuhe gibt es im Untergeschoss“, sagt meine Mutter und deutet auf eine Treppe. „Ich hole schnell die Taucherbrille.“ Und sie stöckelt davon.
Sie hat mir also tatsächlich zugehört, denke ich angenehm überrascht und steige die Treppe hinab. Hinter einem Tresen sehe ich Isabelle und winke ihr zu.
„Suchst du was Bestimmtes?“, fragt sie, nachdem wir uns begrüßt haben.
„Ich komme schon klar“, sage ich.
„Alles klar. Sag mal, bist du am Samstag auf der Absolventenparty?“
„Auf jeden Fall“, sage ich. Weil sie auch da ist.
„Okay, cool. Dann sehen wir uns da.“
Ich gehe zu den Sportschuhen und finde schon bald ein geeignetes Paar heruntergesetzt auf vierzig Euro. Ich probiere sie an, bin sehr zufrieden und nehme mir einen Karton. Gerade mach ich mich auf den Weg zur Treppe, um genauso schnell zu verschwinden, wie ich gekommen war, da höre ich, wie sich das Unheil auf Stöckelschuhen nähert.
„Huch“, macht meine Mutter, als sie mit ihrer Handtasche einen Schuhkarton von einem Regal fegt. „Hast du schon ein Paar Schuhe gefunden?“, ruft sie durch den Saal, sodass jeder sie hören kann. Ich werfe Isabelle einen flüchtigen Blick zu, die aber gerade sehr in einen Katalog vertieft zu sein scheint. „Bist du taub?“, fragt mich meine Mutter, weil ich nicht durch den Saal zu ihr zurückzubrülle.
„Ich habe die hier“, murmel ich, als ich vor ihr stehe. „Kosten nur vierzig Euro. Lass uns gehen.“
„Aber die sind ja von Nike!“
„Na und?“
„Nike ist Scientology.“
„Ist doch egal, Mama …“
Egal?“, wiederholt sie empört. „Die machen ganz schlechte Energien. Hast du dich überhaupt beraten lassen?“
„Mama …“
„Entschuldigen Sie“, trällert meine Mutter und winkt energisch mit der Handtasche einem Mitarbeiter zu, der vermutlich jünger ist als ich. „Wir brauchen Beratung.“ Aus den Augenwinkeln, sehe ich, wie Isabelle den Kopf hebt.
„Was kann ich für euch tun?“, fragt der Typ und sieht mich und meine Mutter abwechselnd an.
„Mein Sohn braucht Schuhe zum joggen“, sagt sie, bevor ich den Mund aufmachen kann. Dabei spricht sie das Jot von joggon wie bei Joghurt aus.
 Mir wird heiß, und ich hoffe, dass der Kerl mich für jünger hält, als ich bin. Der Mitarbeiter führt uns zu einem Regal in unmittelbarer Nähe des Tresens, hinter dem Isabelle sitzt.
„Ich kann dir die von Adidas oder Reebok empfehlen“, meint er und zeigt uns die Kartons. „Sind gerade im Angebot.“
„Mein Sohn ist fast dreißig Jahre alt“, sagt meine Mutter völlig unvermittelt. „Halten Sie es da nicht für angebracht, ihn zu siezen?“ Ich habe das Gefühl, auf der Stelle zu gefrieren. Ich überlege, einen Schuh zu nehmen und ihn meiner Mutter in den Mund zu stopfen. Aber das würde die Worte nicht zurück in den Stall treiben.
„Oh“, sagt der Mitarbeiter und sieht zu mir. „Bitte entschuldigen Sie.“ Er sieht so aus, als müsse er sich das Lachen verkneifen.
„Schon gut“, murmel ich. Ich ziehe mir beide Paar Schuhe an und gehe einige Schritte.
„Und?“, fragt meine Mutter.
„Sie sind beide okay“, sage ich. „Die von Adidas kosten zehn Euro weniger, also …“
„Auf die zehn Euro kommt es nicht an“, meint meine Mutter.
„Aber sie fühlen sich beide gleich an …“
„Aber du willst sie nur, weil sie billiger sind.“
„Dann entscheide du“, entgegne ich. Der gereizte Unterton entgeht ihr völlig.
„Also die von Reebok“, bestimmt meine Mutter.
„Hast … haben Sie sich entschieden?“, fragt der Mitarbeiter, als ich die Schuhe in den Karton packe.
Wieder kommt meine Mutter mir zuvor. „Ich habe entschieden“, sagt sie. Ich stelle mir vor, wie ich in Handschellen und blutbespritzt aber glückselig lächelnd aus dem Laden abgeführt werde.
„Gehen wir einfach“, knurre ich und steuere auf die Treppe zu.
„Man kann auch hier bezahlen“, sagt meine Mutter und deutet auf Isabelle. Klar. Warum nicht? Meine Scham hätte ohnehin selbst dann nicht größer sein können, wenn sie jetzt ein Taschentuch hervorgeholt und angefangen hätte, meinen Mund zu putzen.
„Sehe ich Sie dann am Samstag?“, fragt Isabelle, nachdem sie abkassiert hat, und zwinkert mir zu.
„Entweder das“, sage ich so leise, dass nur sie mich hören kann, „oder ich sitze wegen Mordes im Knast.“